{"id":656,"date":"2018-09-09T22:42:22","date_gmt":"2018-09-09T20:42:22","guid":{"rendered":"http:\/\/freieroffensive.de\/?p=656"},"modified":"2020-01-28T23:14:41","modified_gmt":"2020-01-28T22:14:41","slug":"die-preussenpuffs-von-der-koenigsmauer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freieroffensive.de\/index.php\/2018\/09\/09\/die-preussenpuffs-von-der-koenigsmauer\/","title":{"rendered":"Die Preu\u00dfenpuffs von der K\u00f6nigsmauer"},"content":{"rendered":"<p><strong>Prostitution im 19. Jahrhundert &#8211; Die Preu\u00dfenpuffs von der K\u00f6nigsmauer <\/strong><\/p>\n<p>Sittenverfall! Gef\u00e4hrliche, gesetzlose Zust\u00e4nde! So riefen im Jahre 1848 die Berliner Bordellbetreiber. Ausgerechnet sie. Die neuerdings florierende freie Prostitution der Winkel- und Gassenhuren st\u00f6rte ihr Gesch\u00e4ft enorm: \u201eZu Hunderten liegen diese ehrlosen Gesch\u00f6pfe vom fr\u00fchen Morgen bis zum sp\u00e4ten Abend mit entbl\u00f6\u00dftem halben K\u00f6rper in den Fenstern, haufenweise vor ihren Th\u00fcren und patrouillieren vor den H\u00e4usern, alle m\u00e4nnlichen Personen, ohne R\u00fccksicht auf Alter und Stand, halb gewaltsam nach sich ziehend.\u201c<\/p>\n<p>Hatten nicht Sitte und Gesetz geherrscht, als man die Freudenh\u00e4user noch mit amtlicher Lizenz offen betreiben durfte? Seien die M\u00e4dchen nicht bestens unter Schutz und Kontrolle gewesen? Habe nicht der Bordellwirt sie bei Erkrankung (vor allem ging es um Syphilis) in die Charit\u00e9 geschickt? Habe man nicht anst\u00e4ndig Steuern gezahlt?<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich hatte die Gesetzes\u00e4nderung von 1846 nach Jahrzehnten der k\u00f6niglich privilegierten Lust die Lage der Wirte schwieriger gemacht.<\/p>\n<p>Vor allem in der Bordellgasse An der K\u00f6nigsmauer lief es nun auf andere Art. Hunderte Dirnen boten dort ihre Dienste an, ohne auf Bordellwirte R\u00fccksicht zu nehmen. Man sprach vom \u201enorddeutschen Babel\u201c, B\u00fcrger klagten \u00fcber die \u201eUnzuchtsfrauen\u201c. Dass sich das Gewerbe gerade dort konzentrierte, lag an einer k\u00f6niglichen Verordnung von 1841, die die Prostitution auf eben die Gasse An der K\u00f6nigsmauer beschr\u00e4nkt hatte.<\/p>\n<p><strong>Die Klagen der \u201eehrbaren V\u00e4ter\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Diese war drei bis f\u00fcnf Meter breit und zog sich parallel zur mittelalterlichen Stadtmauer von der K\u00f6nigstra\u00dfe bis zur Klosterstra\u00dfe hin. Armselige H\u00e4user lehnten sich an die Mauer. Auch nach der Aufhebung der Bordelle behielt dieses Gewerbe hier seinen Sitz, solange die Gasse bestand. Zudem bot sie Ganoven jeder Art Unterschlupf.<\/p>\n<p>So beklagten also die ehedem \u00fcberaus ehrbaren Bordellwirte, es sei \u201eleider so weit gekommen, da\u00df kein Polizeibeamter mehr diese Orte zu recognosciren wagt. Sie riskiren Insultirungen und th\u00e4tliche Beleidigungen\u201c. Heute w\u00fcrde man solch eine Gegend No-go-Area nennen. Die Herren baten also den Magistrat um Wiederherstellung der alten Konzessionen.<\/p>\n<p>Das Ersuchen der Wirte blieb chancenlos. Der \u00f6ffentliche Druck, die alte Gasse, dieses verruchte H\u00f6llenloch, ganz zu beseitigen, war gar zu gro\u00df geworden, und nicht alle hatten solch angenehme Erinnerung an die \u201egute, alte Zeit\u201c der k\u00f6niglich privilegierten Freudenh\u00e4user.<\/p>\n<p><strong>Kampf gegen Bordelle<\/strong><\/p>\n<p>In seinem 1846 erschienenen Werk \u201eDie Prostitution in Berlin und ihre Opfer. Nach amtlichen Quellen und Erfahrungen\u201c, berichtet Wilhelm Stieber \u00fcber den Protest von 64 \u201eglaubw\u00fcrdigen und ehrbaren Familienv\u00e4tern\u201c: Sie hatten 1842 ein Bittschreiben an Innenminister von Arnim gerichtet, sie von den \u201e\u00dcbelst\u00e4nden des Bordellwesens\u201c, dieser \u201egro\u00dfen privilegierten Unzuchtsanstalt\u201c mit ihrem \u201eToben und L\u00e4rmen\u201c zu befreien. Denn erstens verordne das Allgemeine Landrecht, dass Bordelle nur in ganz entlegenen Stra\u00dfen geduldet werden sollten: \u201eF\u00fcr eine solche kann aber die mitten im Herzen, dicht bei mehreren Kirchen und Schulen gelegene K\u00f6nigsmauer nicht gelten.\u201c<\/p>\n<p>Zweitens f\u00fchrten sie die Wohnungsnot an: Gerade in der Gegend der K\u00f6nigsmauer sei \u201ef\u00fcr viele Leute, die in derselben ihr Brodt h\u00e4tten, das dringende Bed\u00fcrfnis nach billigen Wohnungen vorhanden\u201c. Die K\u00f6nigsmauer solle den anst\u00e4ndigen Leuten wiedergegeben werden.<\/p>\n<p>Drittens sei es trotz aller Anstrengungen der Polizei \u201edurchaus unm\u00f6glich, die gro\u00dfe Menge der Dirnen im Z\u00fcgel zu erhalten, vielmehr fielen unter ihnen t\u00e4glich und st\u00fcndlich die \u00e4rgerlichsten und skandal\u00f6sesten Auftritte vor, welche f\u00fcr die gesamte Nachbarschaft anst\u00f6\u00dfig seien\u201c. Und man bedenke die Entwertung der Grundst\u00fccke!<\/p>\n<p>Preu\u00dfenchronik<\/p>\n<p>Ein Geistlicher aus einer der nahe gelegenen Kirchen stritt \u201eauf das lebhafteste f\u00fcr die Hinwegschaffung der Bordelle aus der Gegend\u201c. Er beklagte, Kuppler und Dirnen seien \u201ein gl\u00e4nzenden Karossen und dem reichsten Kost\u00fcme\u201c erschienen. \u201eDie Kirche f\u00fcllt sich mit all dem verworfenen Gesindel\u201c aus den Bordellen. \u201eWas soll der Geistliche einer solchen Zuh\u00f6rerschaft predigen?\u201c<\/p>\n<p>Der Wandel kam allm\u00e4hlich, bis mit Beginn des Jahres 1846 schlie\u00dflich der etablierte Bordellbetrieb endete. Aus den Klagen der alten Bordellbesitzer wissen wir, dass damit die Prostitution mitnichten weg war, sie wurde wilder, man k\u00f6nnte sagen \u201efreier\u201c.<\/p>\n<p>Unser Autor Wilhelm Stieber fand interessante Aspekte darin: Die Sitten verfeinerten sich, meinte er, in den Bordellen seien \u201enur alte abgelebte Frauenzimmer auf der tiefsten Stufe der Verworfenheit\u201c zu haben gewesen. Nun, unter den neuen M\u00f6glichkeiten, ziehe man die Winkeldirnen vor, \u201enamentlich die feineren derselben\u201c, welche in den Tanzlokalen verkehrten, da sie \u201ej\u00fcnger und h\u00fcbscher\u201c waren und man sie \u201ean jeden beliebigen, der allgemeinen Aufmerksamkeit entzogenen Ort f\u00fchren konnte\u201c. \u00dcberhaupt die Tanzlokale \u2013 gl\u00e4nzend ausgestattet entst\u00fcnden sie allenthalben, und dort verkehre eben nicht die \u201einscribierte Dirne\u201c. Winkeldirnen bildeten \u201egleichsam die B\u00f6rse\u201c dieser neumodischen Vergn\u00fcgungsst\u00e4tten.<\/p>\n<p><strong>Syphilis und Kr\u00e4tze<\/strong><\/p>\n<p>Auf fast 400.000 Menschen war Berlin 1840 gewachsen \u2013 eine Verdopplung innerhalb von 20 Jahren. Die beginnende Industrialisierung lockte lebenslustige Leute an. So wurde f\u00fcr das Jahr 1845 allein die Ankunft von 5 824 Personen weiblichen Geschlechts von fremden Ortschaften vermerkt, die in Berlin Dienste suchten. Zehn Jahre zuvor waren es nur 1500 gewesen. Von \u201ePersonen niederer St\u00e4nde, gew\u00f6hnlicher Erziehung und jugendlichen Alters, von aller Aufsicht und Unterst\u00fctzung entbl\u00f6\u00dft\u201c war die Rede. In der Folge, so Stieber, belaufe sich \u201edie Zahl unserer prostituierten Frauenzimmer sich gewiss auf 10.000 bis 12.000\u201c.<\/p>\n<p>Meldungen aus dem Berliner Stadtvogtei-Gef\u00e4ngnis und aus der Charit\u00e9 dokumentieren die leidigen Begleiterscheinungen: 1842 seien \u201ein summa 1192 Frauenzimmer verhaftet wegen Syphilis, liederlichem Herumtreiben, Kr\u00e4tze, Winkelhurerei\u201c. Zur Syphilis-Behandlung kamen in die Charit\u00e9 im Jahr 1840 \u201eim Ganzen 1461 Personen, darunter 704 M\u00e4nner und 757 Weiber\u201c. 1846 soll jede zehnte Berlinerin Geld mit Prostitution verdient oder zuverdient haben. Ihre Freier waren wie ehedem im Milit\u00e4rstaat Preu\u00dfen die ehelosen Soldaten der Garnison und zunehmend m\u00e4nnliche Zuwanderer.<\/p>\n<p><strong>Frische Ware f\u00fcr die Wirtinnen<\/strong><\/p>\n<p>Ein Bericht der Sittenpolizei von 1867 konstatierte, dass \u201eeine gro\u00dfe Anzahl von M\u00e4dchen nur deshalb der Prostitution anheimf\u00e4llt, weil dieselben bei zeitweiliger Arbeitslosigkeit kein Unterkommen finden und infolge davon als sogenannte \u201afrische Ware\u2018 den Winkelwirtinnen zur willkommenen Beute werden.\u201c<\/p>\n<p>Noch ein weiteres aus heutiger Zeit vertrautes Ph\u00e4nomen stellte \u201edie Sitte\u201c fest: \u201eDas Dirnen-Gewerbe verschlimmert die Wohnungs-Not. Immer mehr Vermieter \u2013 etwa in der Sch\u00f6nhauser Allee \u2013 setzen ihre Mieter vor die T\u00fcr und vermieten an Freudenm\u00e4dchen. Deren Ertr\u00e4ge sind h\u00f6her, sie zahlen besser und regelm\u00e4\u00dfiger.\u201c<\/p>\n<p>Die Bordellzeile an der K\u00f6nigsmauer hatte dem \u201esittlichen Fortschritt\u201c lange getrotzt; dem Streben nach verkehrsgerechtem Stadtumbau hielt sie nicht mehr stand. Als das Projekt Stra\u00dfendurchbruch f\u00fcr die Kaiser-Wilhelm-Stra\u00dfe, heute Karl-Liebknecht-Stra\u00dfe, Gestalt annahm, sah der Magistrat die Gelegenheit gekommen, das \u201eschlechte Gebiet\u201c an der K\u00f6nigsmauer endlich zu beseitigen. Seit den 1860er-Jahren kaufte er die ersten H\u00e4user an, zum Verkehrswert, also g\u00fcnstig. 1882 verschaffte sich die Stadt das Enteignungsrecht f\u00fcr die anderen. 1885 begann der Abbruch der Gasse. Zwei Jahre sp\u00e4ter war sie verschwunden. Nicht jedoch die Prostitution: Die Huren wanderten nach nebenan ins Scheunenviertel und sind seither immer mal wieder umgezogen.<\/p>\n<p>\u2013 Quelle: https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/29955074 \u00a92018<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Prostitution im 19. Jahrhundert &#8211; Die Preu\u00dfenpuffs von der K\u00f6nigsmauer Sittenverfall! Gef\u00e4hrliche, gesetzlose Zust\u00e4nde! So riefen im Jahre 1848 die Berliner Bordellbetreiber. Ausgerechnet sie. 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