{"id":1408,"date":"2019-07-03T18:19:31","date_gmt":"2019-07-03T16:19:31","guid":{"rendered":"https:\/\/freieroffensive.de\/?p=1408"},"modified":"2019-07-03T18:19:31","modified_gmt":"2019-07-03T16:19:31","slug":"amnesty-international","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/freieroffensive.de\/index.php\/2019\/07\/03\/amnesty-international\/","title":{"rendered":"Amnesty International"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Warum Amnesty die Prostitution entkriminalisieren will         <\/h1>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fragen und  Antworten zum Entscheid der Internationalen Ratstagung 2015 von Amnesty  International in Dublin betreffend die Menschenrechte von  Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern.                                                                                                  <\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Warum k\u00fcmmert sich Amnesty International um die Menschenrechte von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern?<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Frauen, M\u00e4nner, Transmenschen \u2013 wer im Sexgewerbe arbeitet,\n ist \u00fcberall auf der Welt besonders h\u00e4ufig Menschenrechtsverletzungen \nausgesetzt, wenngleich unter ganz verschiedenen kulturellen, sozialen \nund gesetzlichen Rahmenbedingungen. Physische, psychische und sexuelle \nGewalt, willk\u00fcrliche Festnahmen, Erpressung und Schikanen, unfreiwillige\n HIV-Tests und medizinische Zwangsuntersuchungen sind nur einige davon. \nAuch grundlegende soziale Rechte wie der Zugang zu Gesundheitsversorgung\n oder zu Wohnraum werden Prostituierten oft verweigert. All dies stellt \nAmnesty International seit Jahren fest und hat auch immer wieder \nAktionen zu Einzelf\u00e4llen lanciert, wenn etwa Transgender oder Frauen in \nder Prostitution brutal angegriffen wurden. Eine spezifische \nUntersuchung in vier L\u00e4ndern\/St\u00e4dten und eine breite Konsultation, die \nAmnesty zwischen 2013 und 2015 mit verschiedensten Akteurinnen und \nAkteuren durchgef\u00fchrt hat, best\u00e4tigten diese Feststellungen in aller \nDeutlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit dem Entscheid f\u00fcr eine klare politische Positionierung \nzeigt Amnesty International Flagge, was die grundlegenden Rechte von \nMenschen betrifft, die im Sexgewerbe arbeiten. Ihre Pers\u00f6nlichkeits-, \nFreiheits- und Selbstbestimmungsrechte, der diskriminierungsfreie Zugang\n zu Gesundheits- und Sozialdienstleistungen und weitere soziale und \nwirtschaftliche Rechten, Schutz vor Ausbeutung, Gewalt, Erpressung und \nanderen \u00dcbergriffen \u2013 all diese Rechte sollen Prostituierten \ngleichermassen zustehen wie allen anderen Menschen.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Warum ist die Forderung nach Entkriminalisierung so wichtig?<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Entkriminalisierung des Sexgewerbes \u2013 ausser nat\u00fcrlich \nwenn Straftaten wie Gewalt, Ausbeutung, Sex mit Minderj\u00e4hrigen oder \nMenschenhandel im Spiel sind \u2013 ist zwar nicht das prim\u00e4re Ziel der von \nAmnesty beschlossenen Positionierung, aber eine der ganz wichtigen \nVoraussetzungen, damit SexarbeiterInnen ihre Rechte wahrnehmen und ihr \nSchicksal in die eigenen H\u00e4nde nehmen k\u00f6nnen. Sie sollen ihre T\u00e4tigkeit \naus\u00fcben d\u00fcrfen, ohne das Gesetz zu brechen. Wenn nicht nur ihre \nT\u00e4tigkeit, sondern auch ihr Arbeitsumfeld entkriminalisiert ist, gibt \ndas den oft marginalisierten und abh\u00e4ngigen Menschen im Sexgewerbe mehr \nM\u00f6glichkeiten, unabh\u00e4ngig zu arbeiten, sich zu organisieren und sich \nselber f\u00fcr ihre Rechte zu wehren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Amnesty fordert aber auch andere, proaktive Massnahmen zum \nSchutz von Prostituierten: namentlich Massnahmen gegen Ausbeutung, \nN\u00f6tigung, Gewalt, Erpressung und nat\u00fcrlich gegen sexuelle Ausbeutung von\n Minderj\u00e4hrigen und gegen Menschenhandel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Wissen darum, dass viele Menschen gegen ihren Willen in \ndie Prostitution gedr\u00e4ngt werden und dass viele diese T\u00e4tigkeit aus \nwirtschaftlicher Not betreiben, bekr\u00e4ftigt Amnesty zudem die grosse \nBedeutung der sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Rechte aller \nMenschen. F\u00fcr diese engagiert sich die Organisation seit langem.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Fordert Amnesty eine Legalisierung von Prostitution?<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nein, Amnesty fordert Entkriminalisierung, nicht aber \nLegalisierung des Sexgewerbes. Das ist nicht dasselbe. \nEntkriminalisierung bedeutet, dass einvernehmliche sexuelle Beziehungen \nunter Erwachsenen, auch wenn diese bezahlt sind, nicht strafrechtlich \nverfolgt werden. Dies entspricht einer international g\u00fcltigen \nMenschenrechtsnorm. Auch mit der Aus\u00fcbung von Prostitution verbundene \nAktivit\u00e4ten wie Vermittlung\/Zuh\u00e4lterei, Wohnungsvermietung, \nUnterst\u00fctzung in sozialen Fragen etc. sollen nicht dem Strafgesetz \nunterstellt werden, ausser wenn Straftatbest\u00e4nde wie Ausbeutung, \nN\u00f6tigung, Gewalt, Erpressung vorliegen oder Menschenhandel im Spiel ist.\n Solche Straftaten sollen weiterhin klar verfolgt werden. Dort, wo das \nGewerbe aus dem Schatten der Illegalit\u00e4t geholt wird, lassen sie sich \nauch viel besser verfolgen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Legalisierung hingegen bedeutet, dass Prostitution z.B. \n\u00fcber Gewerbegesetze, Arbeitsgesetze oder Gesetze zur \u00f6ffentlichen \nSicherheit und Ordnung geregelt wird. Dazu, ob und wie Staaten dies tun,\n \u00e4ussert sich Amnesty bewusst nicht. Staaten m\u00fcssen jedoch \nsicherstellen, dass sich solche Gesetze nicht zum Nachteil (eines Teils)\n der Prostituierten auswirken, diskriminierend sind oder anderweitig zu \nMenschenrechtsverletzungen an Prostituierten f\u00fchren. Wenn Prostituierte \nz.B. derart hohe administrative H\u00fcrden \u00fcberwinden m\u00fcssen, um legal \narbeiten zu d\u00fcrfen, dass sie wiederum in die Abh\u00e4ngigkeit von grossen \nBordellbesitzerInnen, in die F\u00e4nge des organisierten Verbrechens oder in\n die Illegalit\u00e4t gedr\u00e4ngt werden, kann dies erneut zu strafrechtlicher \nVerfolgung f\u00fchren, aber auch zu h\u00f6herer Verletzlichkeit. Viele \nBetroffene, mit denen Amnesty im Rahmen der Untersuchungen gesprochen \nhat, fordern deshalb Entkriminalisierung des Gewerbes, f\u00fcrchten aber die\n Folgen einer Legalisierung, von der sie wom\u00f6glich erneut an den Rand \ngedr\u00e4ngt w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Unterst\u00fctzt Amnesty jetzt also Freier, Zuh\u00e4lter und Bordelle?<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nein. Die Positionierung von Amnesty dreht sich nicht um \ndie Freiheiten oder die Menschenrechte von Freiern und Zuh\u00e4ltern, \nsondern um diejenigen der SexarbeiterInnen. Tats\u00e4chlich gibt es aber in \nvielen L\u00e4ndern Gesetze gegen Zuh\u00e4lterei oder gegen \u00abF\u00f6rderung der \nProstitution\u00bb, die so breit sind, dass zum Beispiel nur schon zwei \nSexarbeiterinnen, die zusammen eine Wohnung mieten, als \nBordellbesitzerinnen betrachtet und darum strafrechtlich verfolgt \nwerden. Oder die Familienangeh\u00f6rigen einer Prostituierten machen sich \nstrafbar, weil sie als von der Prostitution profitierende Dritte \nbetrachtet werden. Oder eine Transfrau, die anderen Transfrauen Arbeit \nim Sexgewerbe vermittelt, wird als Zuh\u00e4lterin kriminalisiert. Solche \nGesetze gehen fast immer auf Kosten der betroffenen Prostituierten, \nw\u00e4hrend strafbare Handlungen wie Ausbeutung in der Prostitution, \nN\u00f6tigung, Gewalt oder Menschenhandelt zu wenig konsequent strafrechtlich\n verfolgt und teilweise mit l\u00e4cherlich geringen Gef\u00e4ngnisstrafen \ngeahndet werden.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">F\u00f6rdert die Entkriminalisierung des Sexgewerbes nicht den Menschenhandel?<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Amnesty International spricht sich seit langem ganz klar \ngegen jede Form von Menschenhandel aus und hat sich sehr f\u00fcr st\u00e4rkere \ninternationale Normen in diesem Bereich eingesetzt, etwa f\u00fcr die \nEuroparatskonvention zur Bek\u00e4mpfung von Menschenhandel. Menschenhandel \nist ein Verbrechen, das im internationalen Recht heute ganz klar \ndefiniert ist. Staaten haben die Pflicht, ihn zu bek\u00e4mpfen, die Opfer zu\n sch\u00fctzen und ihnen ihre Rechte wiederzugeben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Menschenhandel in die Prostitution und Prostitution selbst \nm\u00fcssen aber klar unterschieden werden. Eine Entkriminalisierung des \nSexgewerbes heisst nicht, dass Menschenh\u00e4ndlerInnen nicht mehr verfolgt \nwerden und Menschenhandel nicht mehr bek\u00e4mpft werden soll. Es gibt aber \nkeine Beweise daf\u00fcr, dass eine Entkriminalisierung des Sexgewerbes zu \nmehr Menschenhandel f\u00fchrt. Im Gegenteil: Wie andere internationale \nOrganisationen, etwa Anti-Slavery International oder die Internationale \nArbeitsorganisation ILO ist Amnesty International aufgrund ihrer \nAnalysen zum Schluss gekommen, dass sich Menschenhandel weltweit besser \nbek\u00e4mpfen l\u00e4sst, wenn das Gewerbe entkriminalisiert ist. Wenn Sexarbeit \nkeine Straftat ist, haben SexarbeiterInnen auch bessere M\u00f6glichkeiten, \nsich zusammenzuschliessen, ihre Rechte wahrzunehmen und \u00dcbergriffe zu \nmelden. Wer nicht selbst eine Strafverfolgung f\u00fcrchten muss, ist auch \neher bereit, mit Polizei und Strafverfolgungsbeh\u00f6rden zusammen zu \narbeiten<strong>.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Kehrt Amnesty International den Frauenrechten den R\u00fccken?<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Amnesty setzt sich zwar nicht seit immer, aber doch schon \nseit langem f\u00fcr die \u00dcberwindung der Ungleichheit zwischen den \nGeschlechtern und gegen patriarchale, heterosexuelle Geschlechternormen \nein, die sowohl Ursache wie Folge von Menschenrechtsverletzungen sind. \nDie Tatsache, dass im Sexgewerbe \u00fcberwiegend Frauen arbeiten, darunter \nauch oft Transfrauen, w\u00e4hrend sich prostituierende M\u00e4nner in der \nMinderzahl sind, hat viel mit solchen Geschlechterverh\u00e4ltnissen und \nNormen zu tun. Die Gleichsetzung von Prostitution an sich mit einer \ngeschlechtsspezifischen Menschenrechtsverletzung an Frauen und LGBT \ngreift f\u00fcr Amnesty International aber zu kurz. Eine Kriminalisierung des\n Gewerbes gibt Frauen nicht mehr, sondern noch weniger Macht und \nAutonomie in die Hand. Der Kampf f\u00fcr die Rechte von Frauen, Lesben, \nSchwulen, Bisexuellen und Transmenschen muss bei den allt\u00e4glichen \nGeschlechterverh\u00e4ltnissen, bei diskriminierenden Gesetzen und Normen und\n bei Gewalt an Frauen und LGBT in allen ihren Formen ansetzen. Dies \nbleibt deshalb ein zentrales Thema der Amnesty-Arbeit. Das hat auch die \nInternationale Ratstagung 2015 von Dublin in den Strategischen Zielen \nf\u00fcr 2016-2019 einmal mehr best\u00e4tigt. &nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum Amnesty die Prostitution entkriminalisieren will Fragen und Antworten zum Entscheid der Internationalen Ratstagung 2015 von Amnesty International in Dublin betreffend die Menschenrechte von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern. Warum k\u00fcmmert sich Amnesty International um die Menschenrechte von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern? 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